Vom Tun zum Verstehen: Wie Kinder durch eigene Erfahrungen innere Bilder entwickeln

«Machen»

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Wie praktisch ist doch die deutsche Sprache: So viele Verben kann ich durch «machen» ersetzen und «mache» dadurch ganz einfache Sätze. Ich mache die Butter aufs Brot, mache die zwei Brotscheiben aufeinander, mache das Pausenbrot in die Znünidose, diese mache ich ins Znünitäschli, um die Znünidose dann in der Pause auf- und zuzumachen. Zum Schluss mache ich die Krümel weg und mache den Besen wieder in seine Halterung an der Wand. Das Znünitäschli mache ich natürlich noch in die Garderobe. – Das klingt doch bestechend einfach? Aber was richte ich damit an?

Sprachangebot

Kinder nehmen den Wortschatz auf, der ihnen angeboten wird. Ist diese vorgelebte und im Alltag verwendete Sprache vielseitig und ansprechend, bekommt das Kind einerseits einen attraktiven Wortschatz mit auf seinen Lebensweg und startet bereits mit einem sprachlichen Polster in seine schulische Laufbahn. Zum anderen werden aber auch gerade durch eine differenzierte Sprachanwendung der Bezugs­personen Denkprozesse angeregt, indem feine Nuancen und Unterschiede aus alltäglichen Begebenheiten durch eine differenzierte Wortwahl sichtbar respektive hörbar werden. Das Kind denkt von sich aus darüber nach, weshalb in welcher Situation welcher Wortschatz von wem gewählt wird und erprobt später in unterschiedlichen Kontexten eigenständig die Anwendung der neuen Begriffe.

Denkschritte

So werden beispielsweise bei der Geschichte mit der Znünidose durch die Bemerkung, dass ich das Brot in die Dose quetsche, die Informationen mit transportiert, dass das Brot offenbar so gross sein muss, dass es nur knapp in der Dose Platz hat. Oder es könnte der Schluss gezogen werden, dass beim Quetschen die Marmelade auf allen Seiten herausquillt. Oh nein! Süsse Brotaufstriche sind im Kindergarten ja gar nicht erlaubt.

Fehlt dem Kind der differen­zierte Wortschatz noch, kann es die Handlung mitverfolgen und die dazu angebotene Sprache aufnehmen, denn meist ist das kommentierende Sprechen durch die Bezugs­personen zusammen mit kleinen Anweisungen und nächsten Handlungs­schritten auf die direkte Situation bezogen, die gerade gemeinsam erlebt wird. «Du kannst die Dose jetzt zuklappen und verriegeln, ich habe dir alle vier Fächlein befüllt.» oder «Wenn du deine Znünidose in einen Plastic-Beutel steckst, bevor du sie im Rucksack versorgst, sind wir sicher, dass im Rucksack nichts auslaufen kann.»

Ein intensives kommunikatives Angebot lässt beim Kind eine vorfreudige Spannung aufkommen und in den unzähligen alltäglichen Situationen lernt das Kind unterschiedliche Ausdrucksweisen – die wiederum Denkschritte und neue Überlegungen anregen.

Innere Bilder

Durch die Anwendung eines vielseitigen Wortschatzes durch die Bezugs­personen bekommt das Kind fortlaufend mehr Übung im raschen Verarbeiten von sprachlichen Informationen. Die Gewohnheit im Umgang mit anspruchsvollem Wortschatz führt zum Abspeichern von unzähligen inneren Bildern, die fortlaufend mit neuen und alten Begriffen kombiniert werden. Die Sammlung innerer Bilder mit den dazugehörenden Begriffen wird immer grösser und das Kind erreicht eine zunehmende Geschmeidigkeit im Abspeichern und Abgleichen der bereits gesammelten Erfahrungen mit neuen Eindrücken. So wächst das Sprach­verständnis jeden Tag. Gleichzeitig werden auch diese inneren Bilder immer differenzierter und helfen wiederum mit, sich neue Fragen zu stellen und kreative Problem­lösungswege zu finden.

Mehrsprachigkeit

Dasselbe Prinzip der entstehenden und sich verfeinernden inneren Bilder, die fortlaufend mit den angewendeten Begriffen und Äusserungen verknüpft werden, funktioniert auch im Zusammenhang mit einer Mehr­sprachigkeit. Ideal ist es hierbei, wenn jeweils jeder Elternteil und jede Bezugsperson bei der eigenen Sprache bleibt und das Kind diese Sprache ganz authentisch in ihrer ganzen Fülle und Schönheit erfährt. «One person – one language!» bewährt sich als tragfähige Grundhaltung.