Vom Wort zur Bedeutung: Warum Sprachverständnis im Wortschatz­erwerb entscheidend ist

Worthülsen versus Inhalte – wann ist ein Vulkan ein Vulkan?

Vulkan

In meiner täglichen Arbeit staune ich immer wieder über die Verwicklungen, die sich ergeben, wenn ein Kind ein alltägliches Wort korrekt ausspricht und es auch spontan anwendet, aber bei genauerer Betrachtung noch nicht verstanden hat, was es bedeutet.

Auf der einen Seite ist das Vorgehen natürlich sehr sinnvoll und hilfreich, wenn neu gehörte Begriffe einfach mal ausprobiert werden und sich die inneren Vorstellungen davon aufgrund der Reaktionen der Mitwelt langsam konkretisieren. Viele Begriffe werden auf diese Weise ja «einfach so» erworben. Auf der anderen Seite kann dabei aber auch leicht übersehen werden, wenn Begriffe über längere Zeit vage oder sogar unkorrekt abgespeichert bleiben und das Sprachverständnis nicht mit dem Alter des Kindes Schritt hält. Je nach Alter des Kindes empfindet es möglicherweise auch Scham, wenn auf seine Bemerkung, dass «die Vulkan am Himmel oben hängen», gelacht wird.

«Einfach so»

Beim Kind mit einer Hörbeeinträchtigung sieht dieses «einfach so» in der Begriffsbildung häufig etwas komplexer aus. Einerseits werden viele Begriffe nicht im gleichen Alter erworben, wie dies unauffällig hörenden Kindern gelingt. Hierbei spielt das Alter eine Rolle, ab dem das Kind ausreichend gut hören kann, um das Hören für seinen Spracherwerb zu nutzen. Weiter hat auch der Radius einen Einfluss, in welchem gut gehört wird, denn mit Hörgeräten oder Cochlea Implantaten muss immer auch die Distanz der sprechenden Person und allenfalls vorhandener Störgeräusche als erschwerender Faktor mit bedacht werden. Ein ganz entscheidender Baustein im Wortschatzerwerb ist natürlich das kommunikative Angebot, von dem das Kind jeden Tag umgeben ist. Aber auch beim allerbesten Sprachangebot hat das Kind mit der Hörbeeinträchtigung weniger Zeit für den Spracherwerb zur Verfügung, bis der Kindergarteneintritt und der Schulbeginn vor der Türe stehen.

«Wie vulkanisch ist er schon?»

Wie gehe ich nun konkret vor, um herauszufinden, wie «vulkanisch» der Vulkan schon ist? Oder anders: wie finde ich heraus, welche Vorstellung das Kind vom «Vulkan» hat? Bestimmt gibt mir das Kind im Gespräch schon viele Anhaltspunkte, wie es sich einen Vulkan vorstellt, was ein Vulkan macht, woran man ihn erkennt und weshalb er für die Menschen gefährlich werden kann. Es lässt sich auch gemeinsam ein Vulkan basteln und beobachten, wie er sich verhält. Weiter kann ich auch Bilder und Filme beiziehen, über die intensiv diskutiert wird.

All diese spannenden Erfahrungen, die ein eigenes Handeln, Beobachten, Nachdenken und sich Austauschen beinhalten, legen Grundlagen, damit aus einer Worthülse «Vulkan» das innere Bild eines lavaspuckenden Vulkanes entstehen kann.