Hör- und Sprachentwicklung stärken: Wie gezielte Unterstützung Familien Flügel verleiht

«…verleiht Flühüügel!»

Fluehuegel

Wer kennt ihn nicht, diesen bekannten Werbe-Slogan für ein aufputschendes Getränk. Auch im audiopädagogischen Alltag kann einem dieser Ausruf begegnen. Auf den ersten Blick mag man sich wundern, was denn Flügel mit Audiopädagogik zu tun haben könnten. Sie kommen aber immer wieder auf ganz unterschiedliche Weise vor.

«unter die Fittiche»

 Der erste Kontext mag am ehesten mit der Redewendung «unter die Fittiche nehmen» umschrieben werden. Nach der verunsichernden Zeit einer vermuteten Hörbeeinträchtigung klären sich die Zusammenhänge und die Fachpersonen der Pädaudiologie erarbeiten mit den Eltern eines Kindes ein erstes Verständnis über die Art des vorliegenden Hörverlustes. Die Eltern entscheiden sich für eine Audiopädagogin, welche die Familie «unter ihre Fittiche» nimmt. Gemeinsam wird geklärt, wie die Zusammenarbeit aussehen und auf welche Ziele hingearbeitet werden soll. Diese Zusammenarbeit prägt die folgenden Monate und Jahre.    

«überflügeln»

 Sind jüngere Geschwister mit involviert, kann es vorkommen, dass sie das Geschwisterkind mit der Hörbeeinträchtigung je nach Entwicklungsverlauf seiner Hör- und Sprachentwicklung in ihren Fortschritten und der Alltagsbewältigung schon bald überflügeln. Auf der einen Seite ist dies ein schmerzhafter Moment, wenn einem bewusst wird, mit wieviel Aufwand sich das Kind mit der Hörbeeinträchtigung eine (nahezu) altersgemässe Hör- und Sprachentwicklung erarbeiten muss und welche Herausforderungen auch längerfristig bestehen bleiben könnten. Auf der anderen Seite führt er aber auch oft zu einem neuen, umfassenderen Bewusstsein, dass ein Kind das aufnimmt und anwendet, was ihm vorgelebt und im Alltag angewendet wird – und dies kann einen regelrechten Höhenflug auslösen.

«der Höhenflug»

Nach einiger Zeit mit den individuellen Hörsystemen wird das Lauschen in der Regel zu einer Grundhaltung, die allen Beteiligten interessante Entdeckungen und Erkenntnisse verschafft, und meist bringt die Freude am Hören dann auch die Begeisterung für das Singen und Musizieren mit sich. Durch die positiven Wechselwirkungen zwischen Sprache und Musik sind laufend neue Fortschritte beobachtbar, die dann wiederum neue Erfahrungen und Erfolgserlebnisse ermöglichen. Der Höhenflug in der Hör- und Sprachentwicklung eines Kindes, ermöglicht durch die enge Zusammenarbeit der Beteiligten, kommt mir vor wie die Bahn eines Vogels, der sich mit der richtigen thermischen Strömung beinahe mühelos in den Himmel hinaufschwingt.

 Die Förderung und Begleitung des Kindes und seiner Familie als mühelos zu beschreiben, wäre allerdings schon ein bisschen übertrieben. Aber wenn es gelingt, die Familie in der Entfaltung ihrer eigenen Ressourcen zu ermutigen und zu stärken, indem die nötige Hör- und Sprachförderung innerhalb der familieneigenen Lebensthemen fortlaufend spielerisch und alltagsnah umgesetzt wird, ist die immer umfassender gelingende Kommunikation innerhalb der Familie und im anspruchsvoller werdenden schulischen (und später beruflichen) Kontext eine grosse Freude. 

«Du verleihst uns Flügel!»

Ihre Sorgen und Ängste kann ich den Familien nicht abnehmen, aber ich trage mit meiner Arbeit dazu bei, dass sie sich gestärkt und gut begleitet fühlen und dass sich der Abstand zur Norm in der Hör- und Sprachentwicklung des Kindes fortlaufend verringert.

Das beglückende Erleben, dass Familien ihren ureigensten Weg finden und diesen mutig und stark gehen, bereitet immer wieder neu viel Freude. «Du verleihst uns Flügel!» ist einer der besonders zu Herzen gehenden Kommentare.