Wie kann ein audiopädagogisches Tagebuch aussehen?
Ideal sind Ring-Ordner in der Grösse A4, in die Klarsichthüllen eingeordnet werden. Die Klarsichthüllen haben den Vorteil, dass ganz unkompliziert Materialien aus dem Alltag mit verwendet werden können, seien dies Laubblätter, Sand, Krümel aller Art oder auch einmal ein Stück Eierschale oder ein Tischset aus Papier von einem Restaurantbesuch. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt, solange das Material in engem Bezug zu einer erlebten Situation steht.
Wie entsteht ein Tagebucheintrag?
Von alltäglichen Erfahrungen oder besonderen Momenten werden Fotos gemacht, die etwas von der Besonderheit der Situation einfangen und damit später auch einen Gesprächsanreiz schaffen. Die Fotos werden ausgedruckt und mit Sprechblasen versehen, in denen in einer ersten Phase lautmalerische Ausrufe und später ganze Sätze eines Dialoges festgehalten werden. Oft wird ein erklärender Satz dazu geschrieben, der den Lesenden eine Situation erklärt und ebenfalls als Gesprächsanreiz dient.
Gemeinsames Staunen und Freuen
Die Familienmitglieder nehmen das Tagebuch zur Hand und betrachten mit dem Kind zusammen die immer zahlreicher werdenden Tagebuchseiten. Beinahe von alleine entstehen aus dem gemeinsamen Betrachten und Staunen zuerst kleine und im Laufe der Zeit immer komplexere Dialoge. Dabei ist es unwichtig, ob immer «alles» erzählt wird oder ob das Kind immer wieder andere Seiten erzählt bekommen möchte.
Emotionaler Bezug
Da es sich bei allen Einträgen um Situationen handelt, die das Kind selber erlebt hat, ist ein maximal hoher emotionaler Bezug zu den Inhalten gegeben. Auch die Bezugspersonen, die mit dem Kind das Tagebuch betrachten, tun dies in der Regel mit guten Gefühlen und einer echten Anteilnahme an den Erlebnissen des Kindes. So entstehen Situationen eines freudigen Austausches. Die meisten Kinder geniessen das gemeinsame Betrachten der Tagebücher mehrere Jahre lang und profitieren von den altersgemäss erweiterten und ergänzten Erzählungen immer wieder neu.
Umgang mit zeitlichen Abfolgen
Es bewährt sich, schon früh auf den Seiten Wochentage und Daten mit anzubringen, um jede Gelegenheit auszunützen, dem Kind von zeitlichen Zusammenhängen zu erzählen, die sonst zu wenig Erwähnung finden. Manchmal werden sie auch erschwert erworben.
Noch fundamentaler ist aber die Erfahrung, dass der Ordner aufgeschlagen wird und man die Seiten nacheinander von rechts nach links umblättert. Das junge Kind erfährt dabei neben der Lust am Blättern, dass es in dem Ordner wie in einem Buch einen Anfang, eine Mitte und ein Ende gibt. Das Konzept von «vorher» und «nachher», von «früher» und «später» wird durch das Umblättern ganz nebenbei wiederholt und vertieft.
Auch die Leserichtung von links nach rechts wird zu einer Selbstverständlichkeit, wenn man dem Kind die kleinen Sätze immer wieder vorliest und den Lesefluss mit dem Finger mitverfolgt.
Ebenfalls eindrücklich ist zu sehen, wie die Kinder irgendwann entdecken, dass es ja jedes Jahr wiederkehrende Feiertage, Festtage, Geburtstage und weitere regelmässige Anlässe gibt – und dass es selber auf den Bildern im Verlauf der Zeit immer ein Stück grösser und älter wird.
Mehrsprachigkeit
Schon früh entwickeln die Kinder ein Verständnis dafür, wenn die Bezugspersonen unterschiedliche Sprachen sprechen. Mit dem Prinzip «one person – one language» lässt sich die mögliche Erschwernis geringhalten, dass das Kind mit mehreren Sprachen ein Durcheinander bekommen könnte.
Die Tagebücher sind auch in diesem Zusammenhang eine ideale Quelle für einen intensiven sprachlichen Austausch in der jeweiligen Muttersprache der Bezugsperson.
Redensarten
Im Kontext der vertrauten Tagebuchseiten lassen sich immer wieder Redensarten einflechten, um dem Kind eine frühzeitige Auseinandersetzung damit zu ermöglichen. «Weihnachten steht vor der Türe», «der hat ihn aber schön auf den Arm genommen», «das musst du ihm nicht noch unter die Nase reiben» sind nur einige Beispiele von vielen alltäglichen Redensarten, die in verschiedensten Situationen passend sein können und idealerweise immer wieder bei unterschiedlichen Gelegenheiten angeboten werden.
Freude an der Schrift
Schon früh zeigen Kinder Freude an den meist lustigen Ausrufen aus den Sprechblasen und dem Nachspielen kleiner Dialoge. In dieser gemeinsamen Begeisterung für die erlebten Geschichten kommt das Interesse an den Buchstaben, schriftlichen Äusserungen und ganzen Sätzen meist ganz nebenbei und fast von alleine.
Für die Förderung und Entwicklung des Kindes ist dies ein sehr erwünschter Effekt, damit das Kind um das Einschulungsalter herum bereits einen kleinen Vorsprung in den Kulturtechniken hat und sich umfassender auf das soziale Geschehen konzentrieren kann, ohne seine gesamte Energie ins Schreiben- und Lesenlernen stecken zu müssen.
Gleichzeitig bleibt die Schrift auch die präziseste Sprachquelle für den gesamten Bildungsweg von Kindern und Jugendlichen, da jede gesprochene Sprachform dafür anfälliger ist, dass ungewohnte Akzente und Dialekte das Verständnis beeinträchtigen oder dass Dinge überhört oder nicht respektive nur teilweise verstanden werden.
Kleiner Aufwand – grosse Wirkung
Mit einem vergleichsweise kleinen Aufwand zur Tagebuchgestaltung gelingt es uns, dem Kind fortlaufend und jahrelang höchst wertvolles, emotional ansprechendes Material zur Hör- und Sprachentwicklung anzubieten.
Auch im Rückblick behalten die Tagebücher einen hohen persönlichen Wert: «Unser Ordner ist mir hoch und heilig, diesen würde ich für kein Geld in der Welt tauschen!» So kommentiert beispielsweise ein junger Erwachsener seine Tagebuchordner, die wir vor 25 Jahren miteinander erarbeitet haben.